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Auf dem Naturland Schäferhof von Angelika und Wendelin Drude gibt es seit 2009 sechs Arbeitsplätze für Menschen mit Handicap – seitdem ist der Familienbetrieb in Welda Kreis Höxter eine externe Arbeitsförderstätte des LWL-Wohnverbundes Marsberg. Träger der Einrichtung ist der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL). Die Soziale Schäferei passt besonders gut in das Arbeitsumfeld von Landschaftspflege, Lämmermast und – ganz neu -–- Schafmilcherzeugung.

Ein vielstimmiges „Mähhh“ tönt durch den neuen Stall. Die 77 Milchschafe sind fertig gemolken und verlangen jetzt nach Futter. „Die Schafe haben immer Hunger, egal wie viel man ihnen gibt“, erklärt Angelika Drude das laute Blöken. Gut, dass mit den sechs MitarbeiterInnen aus dem LW-Lohnverbund Marsberg viele zusätzliche Hände da sind, um die hungrigen Tiere zu versorgen. Heute sind es allerdings nur vier, denn ein Platz ist momentan nicht besetzt und ein Klient nicht gekommen. Doch die drei Männer und eine Frau packen beherzt zu und versorgen die Schafe mit frischem Kleegras und Kraftfutter. „Hört ihr diese Ruhe?“, fragt dann Kaspar Drude, der Senior-Chef, in die daraufhin eintretende Stille. Der 86jährige Schäfer hütet seit seinem 14. Lebensjahr Schafe und ist auch heute noch voll dabei.

Inklusion auf dem Schäferhof
„Ich habe als Mitarbeiter des LWL das unverschämte Glück, Zuhause arbeiten zu dürfen“, beschreibt Wendelin Drude die besondere Konstellation auf seinem Hof. Nachdem er bereits fünfzehn Jahre lang als studierter Sozialarbeiter in der Einrichtung gearbeitet hatte und die Schäferei parallel lief, kann er jetzt beides miteinander verbinden. Auf die Idee kam er durch einen Vortrag zu dem Thema Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung in der Landwirtschaft. Und das Konzept, das Wendelin Drude darauf hin erstellte, wurde vom LWL-Wohnverbund Marsberg sofort angenommen. „Sicherlich lag es daran, dass wir uns schon jahrelang kennen und gegenseitig vertrauen“, begründet Drude die schnelle Zustimmung. „Außerdem kam damals der Begriff ‚Inklusion‘ auf, unter diesem Aspekt haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, sechs Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung in unserer Schäferei beziehungsweise Arbeitsförderstätte anzubieten und ein angemessenes Arbeitsangebot in einem „normalen Arbeitsumfeld“ vorzuhalten.

 

Eigenständige Arbeit, luftig und kreativ
Morgens werden die Milchschafe und Mastlämmer gefüttert, danach ist die Truppe mit dem Kleinbus unterwegs, um die schafe1Eine Mitarbeiterin beim Zäunen im Naturschutzgebiet und Drudes Landschaftspfleger bei der Arbeit (Quelle: Carolin Pieringer)Einzäunungen auf den verschiedenen Grünlandflächen und Naturschutzgebieten zu versetzen. Einmal im Jahr – im Herbst – wird auch richtige Wanderschäferei betrieben: Schafe, Hunde und Menschen ziehen dann über mehrere Tage von dem entlegensten Naturschutzgebiet über 15 km zurück zum Betrieb in Welda. Im Winter schließlich ist Lammzeit, da bewegen sich die Mitarbeiter vor allem zwischen den Ställen und versorgen die Tiere. Neben dem alten Stall und dem neuen Offenfrontstall gibt es zwei Folienställe außerhalb der Ortschaft. Herr O., gelernter Heizungs- und Sanitärmeister, hat sich den Arbeitsplatz selbst ausgesucht, er wollte nicht in eine Werkstatt für Menschen mit Behinderungen. „Es ist eine eigenständige Arbeit, luftig und kreativ. Ich bin froh, dass ich in meinem Alter noch so fit bin, bergauf und bergab zu gehen“, beschreibt der 58jährige die Tätigkeit, die er seit einem Jahr ausübt.

Schäferei nur noch Museumslandwirtschaft?
Mit seinen Kräften haushalten muss auch Wendelin Drude, denn es ist schwer geworden, mit der Schäferei ein einträgliches Einkommen zu erwirtschaften. Deswegen hören auch jedes Jahr viele Schäfer auf. Allein in den letzten fünf Jahren hat sich die Anzahl der schafhaltenden Betriebe in Deutschland halbiert, seit 1992 ist sie sogar auf gut ein Zehntel gesunken (Quelle: Statistisches Bundesamt). Der Landwirt hat momentan um die 450 Alttiere und pro Jahr zwischen 400 und 500 Lämmer. Die gesamte rund 107 Hektar große Fläche ist gepachtet, davon sind 10 Hektar Ackerland. Die restlichen knapp 100 Hektar sind Grünlandflächen, häufig in Naturschutzgebieten gelegen – magere Standorte mit seltenen Pflanzen wie Bienenragwurz und Mückenragwurz und vielen Landschaftselementen wie Hecken und Wacholderbüschen. Hier übernimmt er die Landschaftspflege und bekommt dafür Flächenprämien vom Staat. Das ist eine wichtige Aufgabe, denn mit der traditionellen Schafbeweidung werden die artenreichen Grünlandstandorte erhalten. Durch Biss und Tritt halten die Tiere die Landschaft offen und transportieren in Fell, Klauen und im Verdauungstrakt Pflanzensporen und Kleintierarten. Doch sich immer nur an den Tropf der Steuerzahler zu hängen, das kann es für Wendelin Drude auch nicht sein. „Entweder es gelingt uns, eine Wertschöpfung für das Schaf zu schaffen oder es gibt keine Zukunft für die Schäferei“, prophezeit er. Deswegen hat er sich entschlossen, es mit dem Melken der Schafe zu probieren. Auch im Hinblick auf seine drei fast erwachsenen Kinder möchte er den Betrieb gut aufstellen. Schließlich sind die Drudes seit sieben Generationen Schäfer. Alle drei Kinder haben sich in Richtung Landwirtschaft orientiert. Die älteste Tochter Sarah ist 23 und hat Landwirtin gelernt. Zurzeit ist sie Mitarbeiterin der Schäferei, bis sie im Sommer die Weiterbildung zur Staatlich Geprüften Agrarbetriebswirtin beginnen wird. Die zweite Tochter, Rebecca (20), arbeitet als Groß- und Außenhandelskauffrau in einem großen landtechnischen Unternehmen und Jonas, mit 17 Jahren der Jüngste, macht gerade eine Ausbildung zum Landmaschinenmechatroniker.

 

schafstallMorgendliches Füttern im neuen Offenfrontstall (Quelle: Carolin Pieringer)Milchschafe als neues Standbein
Die Idee in die Milchproduktion zu gehen, war nicht ganz neu. Bereits 2006 hatte Wendelin Drude einen Käselehrgang besucht – doch zunächst geriet die Milch wieder in Vergessenheit. 2007 beschloss der umtriebige Schäfer seinen Betrieb auf den Öko-Landbau auszurichten und Mitglied bei Naturland zu werden. Überwiegend in Eigenleistung hat die Familie 2013 im alten Stall einen kleinen Melkstand für 24 Schafe gebaut. Im Frühjahr 2014 startete Wendelin Drude das Melken in kleinem Rahmen. Nach der Geburt der meisten Lämmer im Winter konnte er im Februar wieder mit dem Melken beginnen. Letztes Jahr hat der Landwirt dann auch angefangen, seine Herde für die Milchproduktion umzubauen. Er kaufte Milchschafe zu und verzichtete stattdessen auf die Nachzucht von Mutterschafen. Bei der Rassenauswahl setzt er zum einen auf Ostfriesische Milchschafe, die als vom Aussterben bedrohte Rasse vom Land Nordrhein-Westfalen zusätzlich gefördert werden – um „Stoßzeiten“ zu vermeiden, versucht er dabei das Ablammen auf einen möglichst großen Zeitraum zu verteilen. Zum anderen züchtet er per Verdrängungskreuzung mit Merino-Böcken, da diese asaisonal sind und er so die Ablammzeit ebenfalls besser auf das ganze Jahr verteilen kann. Somit soll die Melkanlage optimal ausgenutzt werden und auch die Lämmermast im Sommer weiterlaufen. Denn hier ist er mit der Vermarktung sehr zufrieden – gerade als Grillfleisch ist Lamm sehr beliebt. Die Abnahme der Schafmilch muss natürlich auch geregelt sein, denn selbst verarbeiten, das kann sich der Landwirt nicht vorstellen. „Dafür bin ich schon zu alt, um das noch anzufangen“, so Wendelin Drude. Momentan liefert er zweimal pro Woche an zwei Öko-Käsereien in der Nähe und ist dann jeweils ein bis eineinhalb Stunden unterwegs.

 

Dem Tag einen Sinn geben
Unterm Strich werden auf dem Betrieb von Wendelin Drude viele Werte geschaffen – nicht nur monetärer Art sondern auch gesellschaftsrelevante Werte wie Erhalt der Artenvielfalt, der Gemeinschaft und vor allem der Inklusion von Menschen mit Behinderung. Er selbst sagt: „Wir arbeiten nicht nur, um etwas zu produzieren, sondern auch, um dem Tag einen Sinn zu geben.“ Und aus diesem Sinn zieht er vermutlich die Energie, die er für seine Projekte benötigt. Viel Unterstützung bekommt er dabei von seiner Frau, seinen Kindern und seinem Vater, die alle anpacken. Und trotzdem ist die Zukunft des Schäferberufs und damit auch der Landschaftspflege alles andere als gesichert.