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Traumberuf mit Familienanschluss

Seit September 2017 arbeitet Sebastian Krause im Rahmen des Projektes „Mensch inklusive“ auf dem Naturland Hof der Familie Derleth in Salz/ Unterfranken. Bei dem Projekt der Lebenshilfe Schweinfurt werden Menschen mit Beeinträchtigungen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt vermittelt. Sebastian Krause und die Derleths profitieren von dieser wegweisenden Kooperation.

Konzentriert nimmt Sebastian Krause die Eier vom Förderband und legt sie in die Paletten. Braune und weiße Eier werden sorgfältig gestapelt und später auf dem Hof nach Gewichtsklassen sortiert. Zweimal pro Tag fährt er mit seinem Chef und Paten Michael Derleth auf den Acker zu den beiden Mobilställen, um die rund 2.000 Legehennen zu füttern, ins Freiland zu lassen und die Eier abzunehmen. Inzwischen ist der junge Mann mit einer Lernschwäche so gut eingearbeitet, dass er mit seinem Fahrrad auch allein zu den Ställen fahren kann, während der Betriebsleiter auf dem Acker unterwegs ist. „Wenn es ein Problem gibt, ruft er mich mit dem Handy an“, so Michael Derleth.

Identifikation mit Betrieb ist sehr hoch
Das Projekt „Mensch inklusive“ der Lebenshilfe Schweinfurt gibt es seit 2014 und inzwischen sind bereits 65 Menschen mit Beeinträchtigung in verschiedenen Betrieben auf dem ersten Arbeitsmarkt beschäftigt, darunter zwei landwirtschaftliche Betriebe und eine Metzgerei. „Wir brauchen Partner, die bereit sind, sich auf uns einzulassen“, erklärt Projektleiter Peter Pratsch das Konzept. „Und das entstehende Arbeitsverhältnis ist immer absolut individuell und wird auf die Anforderungen des behinderten Menschen zugeschnitten.“ Die Betriebe profitieren durch die Arbeitsentlastung und gewinnen sehr motivierte Arbeitnehmer, die sich mit dem Unternehmen identifizieren. Von den Teilnehmern wird dabei mehr Eigeninitiative erwartet als in einer Werkstatt – sie müssen ihren Alltag viel selbständiger bewältigen. Dafür erfahren sie Anerkennung und entwickeln sich weiter.

Traumberuf Landwirtschaft

Sebastian Krause hatte im Juli 2017 die Förderschule abgeschlossen und hätte dann in einer Werkstatt für Behinderte anfangen können. Ihn zog es jedoch nach draußen, es machte ihm nichts aus, bei der Arbeit schmutzig zu werden. „Auf dem Handy habe ich schon immer Landwirtschaft gespielt“, schwärmt er von seinem Traumberuf. Genau zum richtigen Zeitpunkt war dann Peter Pratsch mit dem Projekt „Mensch inklusive“ zur Stelle und half dem jungen Mann bei der Suche nach dem passenden landwirtschaftlichen Betrieb im Wohnumfeld. Beim dreitägigen Praktikum – ausgerechnet in der arbeitsintensiven Erntezeit im August – lernten sich er und die Familie Derleth kennen und entschieden sich dann spontan, einen Versuch zu wagen. „Die Chemie hat gestimmt“, beschreibt Michael Derleth die Entscheidung. „Das war ganz wichtig, weil er hier Familienanschluss hat. Und dann haben wir es einfach probiert.“ Der Vorteil bei dem Projekt ist, dass es jede Seite beenden kann, wenn es nicht mehr oder doch nicht passt. Und für den behinderten Menschen steht jederzeit der Weg (zurück) in die Werkstatt offen.Derleth GbR HühnerDie Legehennen haben ganzjährig einen Auslauf. Auf der Winterauslauffläche sät Michael Derleth Mais - so haben die Tiere einen guten Sichtschutz vor Greifvögeln.

Alle zwei Wochen kommt der Inklusionshelfer

Angestellt und versichert ist Sebastian Krause bei der Lebenshilfe Schweinfurt, mit dem Naturland Betrieb Derleth besteht ein Patenschaftsvertrag. Aufgrund seines Alters befindet sich der 20jährige momentan noch im 27 Monate dauernden Berufsbildungsbereich, einer „Anlernphase“. In dieser Zeit wird die Maßnahme von der Agentur für Arbeit gefördert – deswegen ist die Arbeitskraft für den Betrieb kostenlos. Sebastian Krause hat alle zwei Wochen einen Tag bildungsbegleitenden Unterricht – mit anderen gemeinsam werden hier Grundfähigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen geübt. Außerdem erlernen die Teilnehmer konkrete praktische Fähigkeiten. In den Wochen dazwischen kommt an einem Tag Matthias Adrian von der Lebenshilfe auf den Betrieb und berät bei Fragen oder Problemen. „Es spielt keine Rolle wie hoch eine Einschränkung ist“, erklärt der Inklusionsbegleiter. „Entscheidend sind Arbeitstugenden wie Motivation, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit der Teilnehmer. Dann machen wir alles möglich“. Motiviert, pünktlich und zuverlässig ist Sebastian Krause auf jeden Fall: Laut Michael Derleth war er in eineinhalb Jahren noch keinen Tag krank und hat sich auch noch nie über die Arbeit beschwert. Ziel ist, dass Sebastian Krause nach den 27 Monaten auf dem Betrieb Derleth bleiben kann. Das wäre dann ab dem 1. Dezember 2019. Ab diesem Termin müssten die Derleths zwar für ihn bezahlen, er würde aber weiterhin Angestellter der Lebenshilfe bleiben. „Für Sebastian hat es den Vorteil, dass er die Sicherheiten der Werkstatt weiterhin genießt, beispielsweise den Rentenanspruch“, erklärt der Projektleiter Peter Pratsch. „Und für die Derleths bedeutet es, dass sie das Arbeitsverhältnis ohne größere Probleme beenden könnten.“

In die Familiengemeinschaft aufgenommen

Diese Frage stellt sich für die Familie Derleth jedoch nicht. „Meinen Sebastian gebe ich nicht her“, ist die knappe Antwort von Michael Derleth. Schließlich sei „der Sebastian“ inzwischen ein Familienmitglied geworden. Der Drei-Generationen-Haushalt der Familie Derleth ist ein offenes Haus, neben Sebastian Krause sitzt auch immer ein Auszubildender am Mittagstisch. Ulrike Mandl-Derleth und Michael Derleth haben einen zweijährigen Sohn und bekommen bald noch einmal Nachwuchs. Und die Großeltern sind in Hof und Kinderbetreuung fest eingebunden. Damit hat Sebastian Krause viele Ansprechpartner, die ihn an die Hand nehmen können. Natürlich ist es ein „Auf und Ab“ wie oft im Leben und nicht immer läuft alles wie am Schnürchen. Vor allem am Anfang hat es laut Derleth viel Zeit gekostet. Für ihn geht die Patenschaft jedenfalls über ein normales Arbeitsverhältnis hinaus: „Ich freue mich, wenn er mich in seine privaten Angelegenheiten einbindet. Dann verstehe ich besser, wenn mal etwas nicht so gut funktioniert.“ Insgesamt profitieren alle Familienmitglieder von dem jungen Mann: Da wäre zum einen die Arbeitsentlastung. „Wir mussten uns erst einmal daran gewöhnen, dass wir am Wochenende keine Eier zu sortieren brauchen und dafür mehr Zeit für die Familie haben“, gesteht Michael Derleth. „Denn alle Eier vom Wochenende sortiert Sebastian zuverlässig am Montag.“ Auch glaubt der Betriebsleiter, dass es eine sehr gute Lebenserfahrung für seine Auszubildenden ist, mit einem Menschen mit Handicap zusammenzuarbeiten. „Letztes Jahr hat Sebastian sogar den neuen Lehrling eingelernt!“ Und auch für den Naturland Bauern ist es eine Bereicherung: „Mit jedem Gespräch wachse ich selbst.“

Arbeit für das ganze Jahr

Derleth GbRSebastian Krause reguliert das Förderband, nachdem er die Eier abgenommen und in die Paletten gestapelt hat.Offen für die Soziale Landwirtschaft war der Agraringenieur Michael Derleth schon länger. Seit 2010 ist er Pächter der landwirtschaftlichen Fläche vom Kloster Maria Bildhausen, einer Einrichtung für Menschen mit Beeinträchtigung des Dominikus-Ringeisen-Werkes. Mit den zusätzlichen 180 Hektar wagte er den Sprung vom Neben- in den Vollerwerb. Er nutzt die dort vorhandenen Getreidelager und die Bewohner von Maria Bildhausen kommen ihn gerne besuchen. „Vor allem große Getreide-LKWs sind die Hauptattraktion“, schmunzelt Derleth. Für manche Arbeiten konnte er sich in den vergangenen Jahren das Landschaftspflege-Team der Werkstätten „ausleihen“, zum Beispiel hat er erst kürzlich wieder eine Heckenpflege mit ihm durchgeführt. Zu einer kontinuierlichen Zusammenarbeit ist es aber trotz seines Bemühens aus organisatorischen Gründen nicht gekommen. Und so traf die Anfrage der Lebenshilfe Schweinfurt auf großes Interesse. Auch die Betriebsstruktur der Derleths eignet sich gut für einen Menschen mit Behinderung. Außer Legehennen und Eiern gibt es genügend Tätigkeiten, die Sebastian Krause machen kann. Nicht nur bei der Kartoffelernte, sondern bei allen anfallenden Arbeiten im Jahr arbeitet er selbstverständlich mit. Mit seiner jugendlichen Kraft geht er außerdem dem Senior zur Hilfe, wenn beispielsweise schwere Säcke getragen werden müssen. „Für einen reinen Ackerbaubetrieb wäre das eher schwierig. Man muss für das ganze Jahr Arbeit bieten können und sich darauf einstellen“, erklärt Michael Derleth. „Bei uns gibt es außerdem viele Möglichkeiten miteinander dasselbe zu tun – das verbindet!“

Für jeden eine sinnvolle Aufgabe

„Manchmal werde ich von Berufskollegen angesprochen, das wäre doch billige Leiharbeit. Aber das ist es eben nicht!“, betont der Landwirt. „Einen Leiharbeiter würde ich nach der Saison wieder ausstellen, Sebastian bleibt das ganze Jahr.“ Auch Peter Pratsch bekräftigt das noch einmal: „Die Teilnehmer am Projekt „Mensch inklusive“ sind nicht austauschbar. Patenbetrieb und Teilnehmer wachsen im Laufe der Zeit zusammen. „In der Landwirtschaft haben wir für jeden eine sinnvolle Aufgabe, die ihn erfüllt und abends müde ins Bett gehen lasst, “ so Michael Derleth. „Deswegen sind wir beim Projekt dabei!“ Sebastian Krause spricht nicht sehr viel, aber das Wesentliche hat er deutlich gesagt: „Wenn’s euch recht ist, würde ich schon gerne bleiben!“

 

Weitere Informationen:
www.derleth-salz.de, lebenshilfe-schweinfurt und https://www.youtube.com/watch?v=eZawkxvsRNI

 

Derleth GbR Fakten

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