Naturland e.V.

seaspiracy 350pxIm dänischen Thorupstrand zieht man die Fischboote auch heute noch allabendlich auf den Strand.Die zerstörerische Ausbeutung unserer Weltmeere ist ein großes Problem, das dringend mehr Aufmerksamkeit benötigt. Die Dokumentation „Seaspiracy“ auf der Streaming-Plattform Netflix erzeugt diese Aufmerksamkeit, indem sie ein grelles Licht auf die in der Tat zahlreichen Schattenseiten der internationalen Fischwirtschaft wirft. Allerdings ist dieses Licht so grell, dass alle erfolgreichen Alternativen und Lösungskonzepte gleichsam ausgeblendet werden.

Nachhaltige Fischerei sei gar nicht möglich, so die verallgemeinernde Grundbotschaft der Dokumentation. Diese Behauptung ist ebenso falsch, wie gefährlich.

Falsch deshalb, weil die durchaus realen Probleme der internationalen Fischwirtschaft mithilfe z.T. falscher Fakten unzulässig verallgemeinert und pauschal auf praktisch alle Fischereien übertragen werden. Gefährlich, weil so die gute und unerlässliche Arbeit zahlreicher Organisationen und Unternehmen, die sich seit Jahren für eine wirklich nachhaltige und umweltgerechte Befischung der Meere einsetzen und diese auch mit Erfolg umsetzen, torpediert wird.

Nachhaltige Fischerei ist möglich - und vor allem nötig!

Für einen erheblichen Teil der Weltbevölkerung ist Fisch nach wie vor die wichtigste Eiweißquelle. Die Fischerei ganz auszusetzen, ist schlicht keine Option – besonders nicht angesichts einer wachsenden Weltbevölkerung und deren Bedarf an gesunden Lebensmitteln.
Was zudem in der Debatte um Nahrungsmittel oft vergessen wird: Jede Lebensmittelproduktion hinterlässt einen ökologischen Fußabdruck. Wild gefangener Fisch hat hier den großen Vorteil, dass er keine zusätzlichen Ressourcen braucht, damit er wächst und sich reproduziert. Wenn nicht mehr Fisch entnommen wird als nachwächst und die eingesetzten Fangtechniken das Ökosystem Meer, See oder Fluss schützen, dann ist der ökologische Fußabdruck minimal.

Fischerei ist nicht gleich Fischerei

Allerdings ist es bis dahin noch ein weiter Weg. Aktuell wird ein Drittel der weltweiten Fischbestände überfischt. Ungenügende Regulierung oder schlicht illegale Fischerei, schlechtes Fischerei-Management und destruktive Fangmethoden sind die Hauptursachen für die katastrophale Lage, die durch den Klimawandel noch zusätzlich verschärft wird.
Die anderen zwei Drittel bewegen sich zwar noch innerhalb ihres biologisch nachhaltigen Niveaus (SOFIA 2020, FAO), allerdings muss man auch hier genauer hinschauen. Die im Film kolportierte Behauptung, im Jahr 2048 seien die Meere komplett leer gefischt, ist dennoch falsch. Die entsprechende Studie von 2006 wurde von den Autoren selbst schon vor Jahren zurückgezogen. Eine Fischerei mit definierten Quoten, die z.B. auf dem MSY-Prinzip (Maximum Sustainable Yield) beruhen, kann dafür sorgen, dass auch in Zukunft noch gesunde Bestände vorzufinden sind.
Ob eine Fischerei wirklich nachhaltig ist, hängt von einer Vielzahl an Faktoren ab. Neben den Fangquoten und Fangmethoden sind z.B. auch ein gutes Fischerei-Management sowie die Beachtung sozialer Praktiken entscheidend.

Naturland Wildfisch: Transparenz und individuelle Auflagen sichern Nachhaltigkeit

Bei Naturland Wildfisch setzen wir daher auf eine Zertifizierung nach Maß. Jedes Fischereiprojekt wird einzeln betrachtet und in einem transparenten Prozess gemeinsam mit Behörden, Wissenschaft und Umweltschutzorganisationen bewertet. Das Ergebnis sind individuell angepasste Bewirtschaftungsauflagen, die die jeweiligen ökologischen Rahmenbedingungen einer Fischerei ganz konkret in den Blick nehmen, um so die Nachhaltigkeit der Fischerei wirklich gewährleisten zu können. Soziale Aspekte wie etwa Arbeits- und Menschenrechte werden durch die Kontrolle der Naturland Sozial-Richtlinien abgesichert.
Auch andere Non-Profit Organisationen arbeiten an Konzepten für eine nachhaltige Fischerei. Man kann Ausrichtung und Umsetzung solcher Zertifizierungen im Einzelnen hinterfragen und auch kritisieren, wie das ja nicht zuletzt beim größten Player auf diesem Markt, dem Marine Stewardship Council (MSC) auch immer wieder getan wird.
Klar ist aber: Das Thema Fischerei muss differenziert betrachtet werden, dann sind Lösungen für eine wirklich nachhaltige Fischerei durchaus möglich. Und auch wenn eine Dokumentation wie „Seaspiracy“ zurecht aufrütteln will, sollte dabei der Blick auf solche Lösungen nie ganz vergessen gehen.

Öko-Aquakultur hilft den Bedarf zu decken und die Umwelt zu schonen

Neben der Fischerei beschäftigt ein kleinerer Teil von „Seaspiracy“ sich auch mit dem Thema Aquakultur. Auch dabei wird berechtigte Kritik durch einseitige Darstellung und zum Teil falsche Fakten zu der verheerenden Botschaft verdichtet, dass alles Bemühen vergeblich sei.
So ist etwa die Kritik, dass für die Produktion von 1 kg Zuchtlachs 5-20 kg Wildfisch nötig seien, schon lange nicht mehr richtig; die entsprechende Filmpassage wurde mittlerweile durch Netflix zurückge-zogen. Moderne Futtermittel bestehen längst nicht mehr nur aus Fischmehl und -öl, sondern enthalten eine Vielzahl pflanzlicher Bestandteile. Zudem schneidet Fisch dank einer weitbesseren Futterverwertung in Sachen Nachhaltigkeit besser ab als andere Zuchttiere wie Rind, Schwein oder Huhn.

Dennoch steht auch die Aquakultur vor vielen Herausforderungen, welche die Netflix-Dokumentation richtig darstellt und zeigt: Aquakultur muss verantwortungsvoll betrieben werden, um nachhaltig zu sein. Genau dafür hat Naturland bereits 1996 den ersten Standard für ökologische Aquakultur entwickelt, um Tierwohl, nachhaltige Fütterung, Schutz der Ökosysteme sowie gerechte Arbeitsbedingungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette sicherzustellen.

Weniger ist mehr – verantwortungsvoller Konsum

Jede Nahrungsmittelproduktion hat Auswirkungen auf die Umwelt. Einzelne Lebensmittel wie Fisch komplett auszuschließen, wie der Film dies nahelegt, löst deshalb keine Probleme, sondern verschiebt sie nur in einen anderen Bereich.
Es kommt stattdessen darauf an, dass wir alle unsere Lebensmittel so nachhaltig wie möglich erzeugen und sie dann bewusst und verantwortungsvoll genießen. Das bedeutet: egal ob Fisch oder Fleisch - weniger ist mehr. Es bedeutet aber auch: Mit einer Reduzierung unseres Fisch-Konsums und der Wahl von nachhaltigem Fisch & Meeresfrüchten beim Einkauf können wir maßgeblich dazu beitragen, unsere Umwelt & Meere zu schonen.

 

Weiterführende Links:

Eine umfassende Kritik des Films von Daniel Pauly, Meeresbiologe an der University of British Columbia, in der noch weitere Aspekte beleuchtet werden, finden Sie hier.

Einen Beitrag des Naturland Partners Followfish finden Sie hier.