Naturland e.V.

Bild1 bearb MG 9078 Pilotek 350 233Siegeracker von Peter Rieger Ackerwildkräuter im Winterroggen © Dr. Dietmar Pilotek

Auf den Ackerflächen der Öko-Bauern Konrad Samberger und Peter Rieger wachsen zahlreiche Wildkräuter, darunter auch seltene und vom Aussterben bedrohte Arten. Beide Landwirte fördern durch ihre Wirtschaftsweise die vielfältige Ackerflora und schützen so auch Insekten, Vögel und Säugetiere. Konrad Samberger vermehrt sogar das Saatgut einiger Ackerwildkräuter, damit sie auf anderen Betrieben wieder angesiedelt werden können.

Konrad Samberger pflückt eine reife Kapsel der Acker-Lichtnelke und lässt die Samen vorsichtig in seine Hand rieseln. „Bei der Lichtnelke klappt die Ernte gut – die Kapseln haben oben eine runde Öffnung und platzen meist nicht vorher auf“, erläutert der Landwirt das Sammeln des kostbaren Saatguts per Hand. „Beim Acker-Rittersporn dagegen ist es deutlich komplizierter – die Samen reifen unterschiedlich ab und die Fruchtkörper verstreuen bei geringer Erschütterung ihren Inhalt. Deswegen müssen wir täglich einen Erntedurchgang machen.“

acker sambergerAcker von Konrad Samberger

Gefährdete Ackerwildkräuter
Seit vier Jahren vermehrt Samberger Saatgut von Ackerwildkräutern – genauer gesagt die vier Arten Acker-Rittersporn, Acker-Lichtnelke, Acker-Hahnenfuß und Gewöhnlicher Frauenspiegel. „Es sind ganz unscheinbare Pflanzen, die sich an die jährliche Bodenbearbeitung beim Ackerbau angepasst haben“, so Samberger. Das gewonnene Saatgut wird dann auf anderen landwirtschaftlichen Flächen ausgesät, um dort die selten gewordenen Wildkräuter wieder anzusiedeln.

Denn mehr als fünfzig Prozent der in unseren Breiten vorkommenden Ackerwildkräuter sind in einem Bundesland auf der Roten Liste und damit gefährdet oder ausgestorben. Das liegt unter anderem an der verbesserten Saatgutreinigung und an Ackerbaumaßnahmen wie dem frühen Stoppelumbruch, vor allem aber an dem verbreiteten Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln in der konventionellen Landwirtschaft.

samberger kleinerFür Konrad Samberger ist der Ökolandbau der einzige und verträgliche Weg für unsere Umwelt

Saatgut für die Wiederansiedlung

Konrad Samberger bewirtschaftet seine Äcker in der Nähe von Neumarkt in der Oberpfalz seit fast dreißig Jahren nach Naturland Richtlinien. Bei einer Kartierung vor ein paar Jahren wurden bei ihm einige seltene Wildkräuter wie Gewöhnlicher Frauenspiegel festgestellt. Dies motivierte ihn, in die Saatgutvermehrung einzusteigen. „Es sind Pflanzen, die den Ertrag nicht mindern und trotzdem die Biodiversität im Acker erhöhen, “ beschreibt er sein Engagement.

„Manche Kräuter sind Wirtspflanzen für ganz bestimmte Insekten oder Raupen, es gefällt mir, diese Vielfalt zu unterstützen.“ Bei Wildsammlungen auf benachbarten Öko-Betrieben wurde von Experten Saatgut der vier Zielarten gewonnen und bei ihm ausgesät. Wichtig ist, dass das Saatgut aus der Region stammt, das heißt bei ihm aus dem Fränkischen Jura. Bild 2 bearb MG 9080 Pilotek 350 233Die Kornrade ist nach der Roten Liste der gefährdeten Arten vom Aussterben bedroht. © Dr. Dietmar Pilotek

Sein Auftraggeber ist die „Biobauern Naturschutz Gesellschaft“, die verschiedene Ackerwildkrautprojekte durchführt. Im Rahmen dieser Projekte wird sein Zeitaufwand entlohnt – das gewonnene Saatgut steht dann für die Wiederansiedlung anderen Betrieben zur Verfügung. Langfristig kann er sich vorstellen, die Ackerwildkräutervermehrung als Betriebszweig auszubauen und das Saatgut zu verkaufen. „Ein Bedarf hierfür besteht – die Produktionstechnik müssten wir jedoch noch verbessern“, überlegt der Naturland Landwirt. Momentan ist die Saatgutgewinnung bei ihm reine Handarbeit, auch der steinige Boden ist eher schwierig für die Bearbeitung. Er experimentiert mit Töpfen, in denen er die Wildkräuter vorzieht, um bei späterer Auspflanzung den ungewollten Beikräutern zuvorzukommen. „Jetzt schaffen wir erst einmal die Basis für einen Saatgutbestand", so Samberger. 

Öko-Landbau fördert die Artenvielfalt
Für Konrad Samberger ist der Öko-Landbau der einzige nachhaltige und verträgliche Weg für unsere Umwelt. Seine Fläche bewirtschaftet er in einer fünfgliedrigen Fruchtfolge (zwei Jahre Klee- oder Luzernegras, drei Jahre Getreide je nach Standort, Zwischenfrüchte zwischen Winterung und Sommerung) und düngt mit Pferde- oder Rindermist. Viele Ackerwildkräuter kommen bei ihm nach den vielen Jahren ökologischer Bewirtschaftung von selbst. Samberger betont: „Ich mache nichts Besonderes, das Samenpotenzial ist bereits vorhanden.“ Ackerrittersporn Samberger 350 233Dieser Acker-Rittersporn wurde in Töpfen gesät und dann in Reihe ausgepflanzt. Acker-Rittersporn ist ebenfalls nach Roter Liste "gefährdet"Acker-Rittersporn hat er trotzdem erst seit der Vermehrung auf seinem Betrieb. Sogenannte Problemunkräuter wie Ackerkratzdistel, Quecke und Ampfer gibt es auch auf seinen Flächen. Er bekämpft sie mit den im Öko-Landbau üblichen Methoden: Striegeln, Grubbern, Kleegras, Zwischenfrüchte oder auch hin und wieder eine „Queckenkur“ nach der Ernte.

Auf einem Acker wirtschaftet er seit ein paar Jahren extensiver, um Ackerwildkräuter zu fördern. Dafür bekommt er Fördermittel aus dem bayerischen Vertragsnaturschutzprogramm. Er verzichtet aufs Striegeln, baut kein Kleegras und keine Zwischenfrüchte an und hält in manchen Jahren auch eine Stoppelbrache ein. Die Erträge sind nicht schlecht, allerdings haben die Problemunkräuter zugenommen. Eine Besonderheit ist seine Holunderplantage. Auf drei Hektar hat er in diesem Jahr 700 kg Holunderblüten geerntet, die erst zu Sirup und später bei der Neumarkter Lammsbräu zur „Now Bio-Limo Hollerblüte“ verarbeitet werden. Die Neumarkter Lammsbräu ist auch beim Getreide sein wichtigster Geschäftspartner – er liefert Braugerste und Dinkel für die Öko-Biere.

Überraschung beim Ackerwildkräuter-Wettbewerb

Auch Peter Rieger, Nebenerwerbslandwirt aus der Nähe von Regensburg, ist bereits seit fast dreißig Jahren Mitglied bei Naturland. Im letzten Jahr bewarb er sich beim Ackerwildkräuter-Wettbewerb in Niederbayern und gewann zu seiner Überraschung den zweiten Platz. Auf seinem Siegeracker wurden bei der Kartierung insgesamt dreißig Ackerwildkräuter gefunden – davon zwei gefährdete Arten, der Gewöhnliche Frauenspiegel und das Saat-Labkraut, außerdem die vom Aussterben bedrohte Kornrade.

Auf einem weiteren Acker entdeckte ein Naturschutzberater vom Landschaftspflegeverband Kelheim VöF e.V. dann auch noch den gefährdeten Acker-Hahnenfuß und den vom Aussterben bedrohten Kleinen Mäuseschwanz – damit hatte Peter Rieger nicht gerechnet. „Ich wusste schon, dass ich eine Vielfalt auf dem Acker habe“, so der Landwirt. „Deswegen habe ich mich spaßeshalber beworben.“ Aber solch eine Vielfalt war überraschend. „Ein Glück, dass ich mitgemacht habe“, freut er sich, „jetzt habe ich eine Liste aller Arten, die auf meinem Acker vorkommen!“ Samberger ackerlichtnelke 350 233Das Saatgut der Acker-Lichtnelke lässt sich gut sammeln.

Extensiver Öko-Landbau
Auf die Frage, wie er es geschafft habe, diese seltenen Pflanzen auf seinem Betrieb zu etablieren, gibt er eine ähnliche Antwort wie Konrad Samberger: „Die Wildkräuter wachsen bei mir, weil ich so wirtschafte, wie ich seit dreißig Jahren wirtschafte.“ Er räumt ein, dass seine Form des Öko-Landbaus möglicherweise extensiver ist als bei anderen Betrieben. Er hat den Boden bisher ausschließlich mit Kleegras und Leguminosen gedüngt, trotzdem sind die Erträge bei Weizen und Roggen weitgehend stabil. Bisher hatte er eine dreigliedrige, seit diesem Jahr experimentiert er mit einer viergliedrigen Fruchtfolge (Kleegras, Weizen, Sommergerste, Roggen).

Jetzt stellt sich für ihn die Frage, ob er auf den Äckern mit den vom Aussterben bedrohten Arten noch stärker extensivieren und dafür in ein Naturschutz-Förderprogramm einsteigen oder darauf vertrauen soll, dass bei seiner Wirtschaftsweise die Wildkräuter auch so erhalten bleiben.

peter rieger kleinerPeter Rieger im Roggenfeld kurz vor der Ernte

Lebenshilfe für Insekten

In jedem Fall beobachtet Peter Rieger den Rückgang der Artenvielfalt mit großer Sorge. „Am Rand meiner Felder lasse ich schon immer Brennesselfluren stehen. Früher waren die Pflanzen dort kaum zu erkennen, weil sie über und über voll waren mit den schwarzen Raupen des Tagpfauenauges“, erinnert sich der Landwirt. In diesem Jahr hat er noch keine Raupe entdecken können und kein Tagpfauenauge. Auch auf dem Kleegras mit benachbartem Blühstreifen hätte es früher im Juli viel stärker gesummt.

„Wo sollen die Schmetterlinge auch herkommen, wenn rundherum intensiv gewirtschaftet wird“, stellt er die entscheidende Frage. „Deswegen brauchen wir mehr Artenvielfalt auf der gesamten Fläche und dafür ist der Öko-Landbau ein wichtiger Baustein“. Bleibt zu hoffen, dass das Engagement der einzelnen Landwirte weitere Bausteine bildet und die Politik entsprechende Fördermittel zur Verfügung stellt, damit das Pflänzchen „Biodiversität in unserer Landschaft“ wieder zu wachsen beginnt.

 Bild 3 bearb MG 9082 Pilotek 350 233Der Echte Frauenspiegel, auch Venus-Frauenspiegel genannt ist laut Roter Liste "gefährdet" © Dr. Dietmar Pilotek

Der Ackerwildkraut-Wettbewerb ist ein Gemeinschaftsprojekt vom Deutschen Verband für Landschaftspflege (DVL), der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL), dem BUND Naturschutz in Bayern (BN) und Bioland. Er wird gefördert vom Bayerischen Naturschutzfonds aus Mitteln der GlücksSpirale und Mitteln des Bayer. Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz. Er findet 2020 im Bezirk Oberfranken statt.

Mehr Infos dazu unter  www.bayern.lpv.de/projekte/ackerwildkraut-wettbewerb