Naturland Bäuerin Silke Vogel fährt seit zehn Jahren zur "Wir haben es satt"-Demo nach Berlin

Silke Vogel 350Silke Vogel auf der "Wir haben es satt"-Demo in BerlinAm 18. Januar ist es wieder so weit: Vor dem Brandenburger Tor in Berlin werden zehntausende Menschen für eine neue Agrarpolitik demonstrieren. Es ist ein breites Bündnis aus Bäuerinnen und Bauern, VerbraucherInnen, Tier- und UmweltschützerInnen, die unter dem Motto "Wir haben es satt" gemeinsam auf die Straße gehen.

Silke Vogel, Naturland Bäuerin aus der hessischen Wetterau, ist eine Demo-Teilnehmerin der ersten Stunde. Schon seit zehn Jahren fährt sie jeden Januar nach Berlin. Was sie antreibt, wie sie das Verhältnis von Landwirtschaft und Gesellschaft wahrnimmt und warum sie als Tierhalterin gerne auch mit VeganerInnen demonstrieren geht, erzählt Silke Vogel im Interview.

Frage: Du fährst am 18. Januar zur „Wir haben es satt!“-Demo nach Berlin. Wie weit ist Deine Anreise und wie oft warst Du schon dabei?

Vogel: Ich war von Anfang an dabei, also seit 2011. Nach Berlin sind es rund 500 km. Wir reisen mit der Bahn an. Oft trifft man dann schon an unserem Heimatbahnhof Menschen, die auch auf die Demo wollen, und es ergeben sich superspannende Gespräche im Zug.

Frage: Warum ist es Dir wichtig, mit dabei zu sein?

Vogel: Ich finde es unglaublich ermutigend zu sehen, wie viele Menschen sich für ihre Ernährung und damit für eine andere, nachhaltigere und bessere Form der Landwirtschaft einsetzen. Ich bin ja der festen Überzeugung, dass mit ökologischen Anbauverfahren und bäuerlichen Betrieben die meisten Probleme gelöst werden könnten.

Essen ist nun mal politisch! An der Kasse wird für diese oder jene Form der Erzeugung abgestimmt. Und das oftmals, weil es den Leuten an Ernährungsbildung fehlt. Und da möchte ich, wann und wo auch immer möglich, präsent sein.

Frage: An den WHES-Demos nimmt eine ziemlich bunte Mischung von Menschen und Gruppen teil. Ist es für Dich als Öko-Landwirtin, die selbst Tiere hält, ein Problem, beispielsweise mit VeganerInnen oder Tierschutzverbänden gemeinsam zu demonstrieren?

Vogel: Nein, im Gegenteil. Als mit Mitglied in einer LAG Tierschutz, deren Mitglieder überwiegend vegan leben, suche ich da auch ganz bewusst die Kommunikation. Wir werden trotz unserer Tierhaltung gerne von Veganern besucht. Man kann doch andere Meinungen so stehen lassen bzw. sich mit Wertschätzung begegnen, oder? Als wir vor einigen Jahren den Spruch: „Hopp, hopp, hopp – Agrarfabriken Stopp!“ skandierten haben, habe ich aber schon gedacht: „Was stellen sich diese Leute hier neben mir wohl unter einer Agrarfabrik vor?“

Frage: Seit Wochen demonstrieren bundesweit vor allem konventionelle LandwirtInnen gegen mehr Umweltschutzauflagen durch die Politik und für mehr gesellschaftlichen Dialog mit der Landwirtschaft. Wie siehst Du diese Bewegung?

Vogel: Endlich bewegen sich Landwirte aller Erzeugungsrichtungen! Das ist grundsätzlich erstmal gut. Ich glaube, wir stehen kurz vor einer Zeitenwende und deshalb ist es wichtig, auf die Straße zu gehen und öffentlich Stellung zu beziehen.

Die Generationen vor uns wurden seit 1950 in das System „Wachse oder weiche!“ gezwungen. Die zunehmende Effizienz hat die landwirtschaftlichen Produkte entwertet. Nun fühlen sich viele, gerade konventionell wirtschaftende Kollegen, missverstanden und als Sündenböcke gebrandmarkt.

Wir müssen den Menschen unsere Wirtschaftsweise erklären. Es ist deshalb für unsere Gesellschaft immens wichtig, dass es in jedem Ort wieder Höfe gibt, die so transparent arbeiten, dass sich die Bürger mit Ihnen identifizieren können.

Ich mache jedem Mut, sich gegenüber den Fragen der Bürger zu öffnen. Wir selbst tun das als „Demonstrationsbetrieb ökologischer Landbau“. Nach der Demo habe ich oft Standdienst auf der Grünen Woche. Da muss man den Verbrauchern Rede und Antwort stehen, das bedeutet „Fransen am Maul“. Aber daraus haben sich schon manche konstruktiven Kontakte ergeben.

Silke Vogel bewirtschaftet gemeinsam mit ihrem Mann Rainer den Naturland Hof Buchwald 25 Kilometer nordöstlich Frankfurt/Main, am Rand der Wetterau. Gleich nach der Betriebsübernahme 2008 stellten die Vogels die Weichen für die ökologische Bewirtschaftung; seit 2012 ist Hof Buchwald Naturland Betrieb. Zum Betriebsporträt.