Verbraucher

In der Naturland Gärtnerei und Landwirtschaft Regens-Wagner Hohenwart arbeiten Menschen mit und ohne Handicap sowie Auszubildende. Sie produzieren Lebensmittel und Energie zur Selbstversorgung und zum Verkauf. Diese Arbeitsplätze bieten eine gesunde Beschäftigung im Freien und die Möglichkeit, Verantwortung für Pflanzen und Tiere zu übernehmen.

Seit 2005 ist die Landwirtschaft Mitglied bei Naturland, seit 2010 auch die Gärtnerei. In dieser Zeit erfolgte nicht nur die Umstellung zum Öko-Landbau und die Modernisierung von Landwirtschaft und Gärtnerei, sondern es wurden darüber hinaus auch Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung geschaffen.

Wohnung, Ausbildung und Arbeit für Menschen mit Behinderung
„Ich finde meinen Weg!“ so lautet der Slogan der Regens-Wagner-Stiftungen. Gemeint ist die Unterstützung der individuellen Lebenswege von Menschen mit Behinderung und konkret bedeutet es Wohnen, Bildung, Beratung, Ausbildung und Arbeit. Diesem Motto folgt die Stiftung bereits seit ihrer Entstehung im Jahre 1847. Damals hatten die Dillinger Franziskanerin Schwester Theresia Haselmayr und der Leiter des Dillinger Priesterseminars Regens Johann Evangelist Wagner eine Schule für gehörlose Mädchen in Dillingen, nordöstlich von Augsburg, gegründet. Ähnliche Einrichtungen entstanden in der Folge an mehreren Standorten in Süddeutschland, es gab Lebensraum und Betreuung für Hörgeschädigte und später auch für Menschen mit anderen Behinderungen. Auch in Hohenwart wurde im ehemaligen Benediktinerinnenkloster 1878 eine „Erziehungs- und Versorgungsanstalt für taubstumme Mädchen und Frauen“ eröffnet. Heute begleitet Regens-Wagner Hohenwart circa 1.600 Menschen mit Behinderung sowie deren Angehörige und beschäftigt rund 700 Mitarbeiter. Es gibt an den Standorten Hohenwart, Schrobenhausen, Pfaffenhofen, Neuburg und Ingolstadt Frühförderung, Kindergarten, Schule mit Tagesstätte und Schülerwohnheim, Berufsschule und Ausbildungsbereiche sowie für Erwachsene den Förder- und Werkstattbereich, differenzierte Wohnangebote, Tagesbetreuung und Wohnen für Senioren sowie auch viele ambulante Hilfen und Beratungsangebote. In den Regionalen Zentren der Regens-Wagner-Stiftungen insgesamt sind es sogar 8.500 Menschen mit Behinderung und 6.500 Mitarbeiter!

Die Küche wird mit eigenem Gemüse und Putenfleisch beliefert
Zu den meisten Standorten von Regens-Wagner gehörten früher – wie selbstverständlich – auch Landwirtschaft und Gärtnerei. Viele landwirtschaftliche Betriebe in Einrichtungen für Menschen mit Behinderung wurden im Laufe der Jahre aufgelöst, lange Zeit war die Landwirtschaft auch in Hohenwart gefährdet. Die Milchpreise waren „im Keller“ und die Arbeitszeiten im Milchviehstall ohne zahlreiche Schwestern nicht mehr zu bewältigen. Durch die ökologische und nachhaltige Ausrichtung bei Regens-Wagner entschloss man sich jedoch in Hohenwart zur Umstellung auf Öko und trat dem Naturland Verband bei. Ein neuer Betriebsleiter wurde gesucht, der die nachhaltigen Ziele des neuen Betriebskonzeptes umsetzen konnte. „Und den haben wir in Martin Konrad gefunden“, so Willi Käser, Gesamtleiter des Regionalen Zentrums. Martin Konrad leitet als Agraringenieur seit 2005 die Land wirtschaft und hat die Umstellung von konventioneller Milchwirtschaft zur Öko-Putenmast und Biogasanlage begleitet, die seitdem als neue Unternehmensteile neben dem Ackerbau betrieben werden. Die Abwärme der Biogasanlage kann in die Heizzentrale der Einrichtung vor Ort eingespeist werden. Öko-Geflügel war und ist sehr gefragt – also wurde der Milchviehstall für 2.000 Putenmastplätze umgebaut. Heute gibt es in der Küche nur eigenes Putenfleisch und das Gemüse wird, soweit vorhanden, in der hauseigenen Gärtnerei gekauft.

“A Baur is a Baur”
Kernauftrag für Martin Konrad und den Bereich Landwirtschaft ist es, Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung zu schaffen. Dies gilt vor allem für die Putenmast, hier können mehrere Beschäftigte mit Handicap  eingesetzt werden. Zwei Männer mit Behinderung arbeiten derzeit fest in der Landwirtschaft mit. Die beiden Beschäftigten füttern und streuen jeden Tag frisches Stroh im Putenstall ein. Die Tiere gehen morgens bei Sonnenaufgang auf die Weide und kommen meist am Vormittag wieder in den Stall. Sie können sich jederzeit frei bewegen und haben verschiedenes Beschäftigungsmaterial im Stall. „Das Wichtigste für die Puten ist, dass man sich mit ihnen beschäftigt und nach dem Rechten schaut“, so Martin Konrad. Diese Aufgaben erfüllen seine Männer. Nach dem Schlachten misten sie aus, säubern und desinfizieren den Stall gründlich, bevor die neue Herde kommt. „Die beiden Beschäftigten sind hier am richtigen Platz. Sie sorgen für die Vögel und freuen sich, wenn es ihnen gut geht“, so Martin Konrad. Dabei ist die Arbeit in der Landwirtschaft nicht für jeden geeignet: „A Baur is a Baur“, erläutert der Agraringenieur in schönstem Allgäuerisch, „das ist bei Menschen mit Behinderung nicht anders als bei Menschen ohne Behinderung.“ Das heißt, manche lieben die Arbeit mit Tieren und an der frischen Luft, andere mögen sie eben nicht. Die Gruppe ist derzeit imregens wagner putenDie Puten werden von zwei Männern mit Behinderung bestens betreut Foto: Carolin Pieringer, Naturland Aufbau: Ziel sind sechs Beschäftigte, die in der Landwirtschaft mitarbeiten und das „Bauern-Gen“ mitbringen. Martin Konrad und ein weiterer Mitarbeiter kümmern sich vorrangig um die Arbeit auf den Feldern und die Biogasanlage. Die zum Vergären verwendete Biomasse stammt zum Teil vom eigenen Betrieb und besteht aus Kleegras, Gras, Getreide sowie Putenmist. Und zuletzt wird (noch) 15 Prozent konventioneller Mais benötigt, um die Gärstabilität zu gewährleisten. Darüber hinaus tauscht Martin Konrad mit anderen Öko-Bauern Gärreste gegen Öko-Kleegras, denn Biogasgülle ist gerade bei viehlosen Öko-Ackerbaubetrieben sehr gefragt, um die langfristige Nährstoffversorgung der Böden zu gewährleisten. Immerhin konnte auf Grund der Wärmenutzung der Biogasanlage der Heizölverbrauch in Regens-Wagner Hohenwart pro Jahr um 150.000 Liter reduziert werden! Für Willi Käser als Gesamtleiter des Regionalen Zentrums ist dies ein wichtiger Punkt für die weitere Ausrichtung des gesamten Hauses: „Es wird gerade ein nachhaltiges, regeneratives Wärmekonzept entwickelt – die Biogasanlage ist dabei ein wichtiger Baustein“.

Auch Legehennenhaltung würde attraktive Arbeitsplätze bieten
Martin Konrad könnte mit dem zufrieden sein, was er in den letzten zehn Jahren aufgebaut hat. Doch der umtriebige Landwirt denkt auch weiter in die Zukunft und hat viele Ideen, um den Bereich Landwirtschaft noch zu optimieren. Er möchte nicht nur die Biogasanlage modernisieren und vergrößern – auch um spätestens bis 2020 die Auflage „100 Prozent Öko-Biomasse“ erfüllen zu können. Zur landwirtschaftlichen Urproduktion gehört aus seiner Sicht auch die direkte Endvermarktung der Produkte – am besten über einen Hofladen. Er wünscht sich deswegen gleich aus mehreren Gründen eine Legehennenhaltung: Es würden attraktive Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung entstehen, Bio-Eier werden stark nachgefragt und eignen sich perfekt zur Direktvermarktung und zu guter Letzt könnte der Hühnermist den Mais in der Biogasanlage ersetzen.

Immer genügend Arbeit für alle in der Gärtnerei
Ein richtig großes Projekt ist auch die Gärtnerei, die im Bereich des alten Klostergartens seit 2010 Zug um Zug vergrößert wird. „Es ist in den letzten Jahren viel investiert worden, sowohl in Gewächshausfläche als auch in Maschinen“, beschreibt Gärtnermeister Richard Pradel die Entwicklung. Die Gärtnerei ist Teil der Werkstatt für Behinderte Menschen (WfbM) – in diesem Bereich arbeiten momentan sechs Beschäftigte und auch diese Gruppe soll in Zukunft auf zwölf aufgestockt werden. Außerdem lernen in der Gärtnerei acht Auszubildende den Beruf des „Werkers im Gartenbau Fachrichtung Gemüse“. Alle acht kommen direkt von verschiedenen Förderschulen und haben hier die Möglichkeit, sich in drei Jahren für den ersten Arbeitsmarkt zu qualifizieren. Neben dem Leiter der Gärtnerei, Richard Pradel, gibt es noch einen Gärtnermeister als Ausbilder und eine Gärtnerin in Teilzeit, die Anbau und Anleitung der Beschäftigten übernehmen. Was in der Gärtnerei angebaut wird, hängt zum einen von den Wünschen der Küche ab, zum anderen wird gezielt für die Direktvermarktung am „Gemüsestandl“ produziert. Kunden aus der Region und Mitarbeiter der Einrichtung können im Internet Gemüse bestellen und es dann dienstags und donnerstags vor Ort abholen. Bezahlt wird per Einwurf in eine Kasse. Ein wichtiges Standbein der Gärtnerei ist darüber hinaus die eigene Jungpflanzenproduktion, vor allem von Tomaten. Hier läuft der Verkauf direkt über die Gärtnerei. Die Jungpflanzenproduktion hat den Vorteil, dass sie recht arbeitsintensiv ist und somit Arbeitsfelder für die Werkstatt-Beschäftigten bietet. Dies ermöglicht kleine Mengen an verschiedenen Kulturen. „Keine Jungpflanzengärtnerei würde uns so geringe Stückzahlen liefern und noch dazu in so kurzen Pflanzabständen“, erklärt Richard Pradel ihre Strategie. „Wir kaufen das Saatgut und produzieren dann selbst die Mengen, die wir brauchen.“ Dabei ist auch Platz fürs Experimentieren und das macht allen Spaß. Ganz wichtig bei der Planung ist, dass immer genügend Arbeit für alle da ist – auch im Winter. Denn in Hohenwart ist es nicht möglich, dass die Beschäftigten während der Saison mehr arbeiten und dafür im Winter frei haben, so wie es in anderen Gärtnereien üblich ist. In der kalten Jahreszeit können die Beschäftigten beispielsweise Lagergemüse putzen und herrichten oder auch Kräuter im beheizten Gewächshaus anbauen sowie Maschinen säubern. Da kann der Winter schon einmal lang werden. Trotzdem ist die Arbeit in der Gärtnerei mit etwas mehr Freiheiten verbunden, als die klassische Werkstatttätigkeit für Behinderte. In der Saison bereichern Kontakte mit Kunden den Arbeitsalltag, ein gelegentliches Trinkgeld beschert an heißen Sommertagen ein Eis für alle im Schatten der Bäume der Streuobstwiese.

Störungen haben Vorrang
Auch in der Gärtnerei steht der Mensch im Mittelpunkt, oder wie Richard Pradel es formuliert: „Störungen haben Vorrang.“ Vorrang haben damit die Menschen, die im Betrieb arbeiten mit ihren Bedürfnissen, und erst auf Rang zweiregens wagner fakten kommen die Pflanzen. Das ist für einen leidenschaftlichen Gärtner nicht immer ganz einfach, und so kommt es schon hin und wieder vor, dass die Gärtner nach Feierabend noch das ausgepflanzte Gemüse wässern, während Azubis und Beschäftigte bereits mit dem Bus nach Hause gefahren sind. Für die Zukunft wünscht Richard Pradel sich mehr Direktvermarktung – am liebsten einen Marktstand. Damit er die Arbeitsabläufe für Menschen mit Behinderung besser strukturieren und mehr selbständiges Arbeiten ermöglichen kann, absolviert der Gärtnermeister eine sonderpädagogische Zusatzausbildung. Eine rentable Gärtnerei mit Menschen mit Behinderung zu betreiben wird allerdings immer eine Herausforderung bleiben.

Verantwortung für Pflanzen und Tiere
Als kirchlicher Träger hat Regens-Wagner auch den Auftrag zur Bewahrung der Schöpfung. Dies findet sich wieder in den Leitlinien unter dem Punkt: „Wir handeln umweltgerecht, wirtschaftlich und nachhaltig.“ Es ist bereits ein großer Schritt zur Nachhaltigkeit und alles andere als selbstverständlich für große Einrichtungen, dass auf den eigenen Flächen Öko-Nahrungsmittel produziert, im Haus verwendet und obendrein  fossile Brennstoffen durch Bioenergie eingespart werden. Auch für die Beschäftigten bieten die Arbeitsplätze in Landwirtschaft und Gartenbau die Gelegenheit, Verantwortung für Tiere und Pflanzen zu übernehmen und hier ihren Weg zu gehen.

Mehr Infos unter: www.regens-wagner-hohenwart.de